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„Geschlossene Gesellschaft“


1. Mai 2021

Text von Pfr. Andreas Konrad

„Geschlossene Gesellschaft“ stand an der Gaststätte. Das habe ich lange nicht mehr gesehen. Aber es bleibt unvergessen. Ärger und Neid hatten damals ihren internen Wettstreit begonnen. „Wäre ja zu schön gewesen!“ Mal wurde eine Hochzeit gefeiert, mal hat eine Trauergesellschaft reservieren lassen. Die da drinnen waren beisammen – und alle anderen waren raus.

„Geschlossene Gesellschaft“ hat heute einen ganz anderen Klang. Wieder sind Öffnungszeiten außer Kraft gesetzt, aber da ist gar keine gesellige Runde. Da ist niemand. Trotzdem haben Ärger und Neid wieder ihren internen Wettstreit begonnen. „Wäre ja zu schön gewesen!“ Früher waren wir so oft beisammen – heute sind wir alle raus.

„Geschlossene Gesellschaft“ hat mit Isolation zu tun. Das ist für viele  von uns z.Z. noch neu, für andere ist es lange schon Alltag: die Vergessenen mit Rollstuhl, Blindenstock oder Gebärdensprache. Ständig stoßen sie auf Barrieren. Und wieder haben Ärger und Neid ihren internen Wettstreit begonnen. „Wäre ja zu schön gewesen!“ Ein Geldautomat, der wirklich erreichbar ist, oder eine Homepage, die vom Vorleseprogramm erkannt wird, oder eine Gedenkstunde mit Gebärdensprache…  das geht und gibt es. Meist machen wir uns das nur nicht bewusst.

„Geschlossene Gesellschaft“ können wir. Das hat sich das Leipziger Netzwerk „behindern verhindern“ auch gedacht – und es zum Motto für die Aktionstage rund um den 5.Mai, den Tag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung gemacht. Seit Samstag bis zum 9. Mai finden verschiedene Angebote statt – coronabedingt als Online-Formate, als Mitmach-Aktion und als kleinste Präsenzveranstaltung. (aktionswoche-inklusion-leipzig.de)

„Gemeinsam gestalten wir Teilhabe“ ist nämlich die andere Hälfte dieses Mottos. Hier wechselt die Perspektive vom „Ich“ zum „Wir“ – wie in dem Bibeltext, der jetzt am Sonntag in unseren Kirchen aus dem Brief an die Kolosser gelesen wird. „Kleidet euch mit herzlichem Erbarmen, Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld. Vor allem aber bekleidet euch mit der Liebe. Sie ist das Band, das euch zu vollkommener Einheit verbindet.“ Und das geht nur gemeinsam – am besten „all inclusive“. Eine gute Idee.