Wort zum Tag – 23.01.2026
23. Januar 2026
Früchte – des Zorns?
„An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ Da stockt einem im Moment doch der Atem. Welche Früchte werden wir alle wohl bald verschmecken? Wollen wir die wirklich ernten? Früchte des Zorns nannte Steinbeck einen seiner Romane. Gedeihen gerade vergleichbare Früchte unter uns?
Der Vers ist der Bergpredigt entnommen (Matthäus, Kapitel 5-7). Es geht in diesem Abschnitt um die Prüfung der Leute, mit denen man umgeht und die einem in schönen Worten manches anbieten – aber oft nur die Hälfte von dem sagen, was aus dem schön Gemalten entstehen kann. Gesundes Misstrauen ist angebracht, gerade in unserer Zeit. Nicht alle Horrormeldungen sind wahr, nicht alle Versprechungen tragfähig. Aber was gilt? Und was soll künftig gelten? Was ist überhaupt – auch moralisch – vertretbar? Die Themen, die wir als Menschen dieser Gesellschaft bedenken müssen sind vielfältig: Ist es moralisch, eine Technik in großem Stil einzuführen, deren große Betreiber sowohl den Wasserhaushalt der Erde massiv ausnutzen, wie auch Menschen unter unerträglichsten Bedingungen arbeiten lassen. Die KI fordert Opfer, die wir nicht sehen – und doch sind sie da.
Welche Werte des Glaubens sind unaufgebar – nicht nur für die Mitglieder der großen Kirchen, sondern als Grundlage des Staates, des Lebens im Alltag? Hat die Suche nach einem „gerechten Frieden“ (Johan Galtung) ausgedient, auch wenn sie nach dem Zweiten Weltkrieg als ein grundlegender Impuls für die Welt erkannt wurde?
Und wie geht man überhaupt mit dem Thema Gewalt und Grenze um, wenn schon Kinder sich zu Banden zusammenrotten, um Gleichaltrige oder Menschen, deren Besitz sie interessiert, zu überfallen.
Man kann sicher manches aus diesem Land weisen. Aber die Anzahl wird begrenzt bleiben. Und selbst wenn man Menschen in ursprüngliche Heimat zurücksendet: Dennoch leben wir gemeinsam auf dieser einen Welt. Das ist die Grundlage des Lebens. Wir müssen Wege miteinander finden – auch wenn es schwer ist, auch wenn mir die Meinung mancher nicht gefällt, auch wenn mir Positionen Angst machen. Das Ringen um das gemeinsame Leben dürfen wir nicht aufgeben – um unserer selbst willen, um des Miteinanders willen, um Gottes willen nicht aufgeben.
An den Früchten unserer Bemühung werden wir erkennen, was es für uns heißt, wie wir miteinander wachsen, wohin der Weg uns führt. Es lohnt sich, sich für genießbare Früchte einzusetzen.
Pfarrerin Bettine Reichelt aus dem Kirchspiel Muldental