Wort zum Tag – 29.05.2026
29. Mai 2026
Feindesliebe? Immer noch?
„Feindesliebe ist der Kern der Bergpredigt“, schrieb Franz Alt in seinem Buch „Frieden ist möglich“. Beides heute für viele eine Zumutung. Ich meine das noch nicht einmal im großen Weltgeschehen, sondern im direkten Gegenüber. Immer schwerer scheint das zu sein. Dabei ist die Feindesliebe, wie Alt nachweist, keine Trotteligkeit, kein Entschuldigen jedes Vergehens, sondern Grundlage eines friedlichen Zusammenlebens.
Der Satz „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du“ ist Jahrtausende alt. Gleiches gilt für die Goldene Regel: „Behandle den anderen so, wie du selbst behandelt werden möchtest“. Im Neuen Testament findet sich der Satz im Matthäusevangelium, Kapitel 7, Vers 12. In ähnlicher Weise findet er sich in den Texten aller großen Weltreligionen: Juden und Christen und Muslime, Hindus und Buddhisten sollen diesen Satz mit Leben erfüllen. So sagen es ihre Glaubensväter und -mütter. Und nicht nur sie.
Immanuel Kant, der große deutsche Philosoph, fragte: Was kannst du wollen, das für alle zum Gesetz werde? – Ein allgemeines Gesetz nicht nur für die anderen, sondern auch für jeden selbst! Das ist vernünftig!
Was kann dieses also sein, dass wir selbst tun – und das der andere auch gut finden kann? Der Konsens darüber scheint derzeit kaum möglich. Zu viele sind der Überzeugung, dass ihre Überzeugung die allein gültige sein soll. Nicht du und ich. Sondern ein großes Ich, dann langes Schweigen – und dann folgt vielleicht das Recht des anderen. Es lohnt sich manchmal das Wörtchen „Ich“ in Äußerungen zu zählen, gern auch bei sich selbst. In welchem Verhältnis steht es zum „Wir“? Und in welchen Zusammenhängen wird „Du“ gesagt?
Lebten wir so, dass der andere prinzipiell gleichberechtig wäre, hätte es manche Katastrophe nicht gegeben, wäre das Miteinander ein anderes. Das Leben miteinander in diesem Sinn war nie einfach. Auch das kann man aus den alten Texten herauslesen. Menschen mussten immer wieder daran erinnert werden. Also auch wir. Das, was es im Einzelnen bedeuten kann, entsteht aus dem Gespräch. In diesem Gespräch steht dann aber nicht die Macht im Mittelpunkt, sondern der Respekt vor dem anderen, der so ist wie ich: ein Mensch. Und es geht um unser Leben, gemeinsam, hier und heute, um Werte die gelten sollen, um Regeln, die sinnvoll sind.
Die Väter des Grundgesetzes hatten davon wohl eine Ahnung, als sie den berühmten Satz von der Würde an den Anfang stellten. Kein Wunder, nach dem, was in den Jahren zuvor geschehen war. Es kommt darauf an, diesen Satz, der aus der christlich-jüdischen Tradition erwachsen ist, auch heute immer wieder neu mit Leben zu füllen.
Bettine Reichelt – Pfarrerin im Kirchspiel Muldental