Wort zum Tag – 28.08.2026
28. August 2026
Vom „Simson – Kult“ und vom „Dazugehören“
Als ich 1977 mit 15 Jahren die lang ersehnte Fahrprüfung für Kleinkrafträder bestanden hatte, bekam ich von meinem Onkel eine SR2 geschenkt. Ich war überglücklich, auch wenn die „Simme“ nur einen Sitz hatte und maximal 45km/h fuhr, gehörte ich in meinem Kleinstadtrevier plötzlich dazu. Ich kann also gut nachvollziehen, wenn Jugendliche heutzutage auf eine Kultmarke wie Simson stolz sind. Doch leider bekommt dieses Identitäts-Gefühl gerade einen faden Beigeschmack. Vielen Jugendlichen wird über die Marke „SIMSON“ eine neue Haltung vermittelt. Eine Mischung zwischen „Ost-Stolz“ und „Wir-Gefühl“. Einer Gruppe anzugehören ist ja zunächst etwas Gutes, geradezu ein Grund-bedürfnis von Jugendlichen. Wenn man es jedoch für Wahlkampfzwecke inszeniert, dann wird ein großer Teil der Simson-Gemeinde für politische Ziele vereinnahmt. Und dann kann es zur Schlussfolgerung führen, dass fremde oder anders lebende Menschen eben nicht mehr dazugehören.
Um Angenommene und Abgewiesene geht es auch im Leitspruch für die kommende Woche: „Was ihr für einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern getan habt – und wenn sie noch so unbedeutend sind – das habt ihr für mich getan.“ (Mt.25, 40) Jesus führt seinen Hörern die Kulisse vom Weltgericht vor Augen. Aber nicht als Drohszenarium, sondern eher als eine Art Rückschau auf unser Leben. Er stellt uns die Frage, worauf es in diesem Leben letztendlich ankommen sollte: Wofür haben wir uns eingesetzt? Um wen haben wir uns in Grenzsituationen gekümmert? Zu wem haben wir in der Not gehalten? In dieser Erzählung schaut Jesus seinen Zuhörern und uns ins Herz. Wo stehen wir? In seinem Buch „Widerstand und Ergebung“ schreibt der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer (wenige Jahre, nachdem die jüdischen Gebrüder Simson von den Nazis enteignet wurden): Wir sollten „für andere Menschen etwas sein …. schließlich sind die menschlichen Beziehungen doch einfach das Wichtigste im Leben …. Gott selbst lässt sich im Menschlichen dienen.“
Die Kultmarke „SIMSON“ muss für eine menschenfreundliche Haltung stehen. Für Weltoffenheit, Empathie, Verständigung, Gemeinsinn und Toleranz. Darauf könnten Jugendliche stolz sein, wenn sie den Simson – Schriftzug auf ihrem Tank polieren.
Gerd Pettrich – Jugendwart im Kirchenbezirk Leipziger Land