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27. Februar 2021

Die Abfahrt

Seit einigen Jahren begleitet mich ein Kalender und hängt an meiner Wohnzimmertür, alle paar Jahre stimmt sogar zufällig das Datum wieder. Und jeden Monat neu lädt er mich ein, immer wieder kurz innezuhalten und mich auf ein neues, inzwischen wohlvertrautes Bild einzulassen.

Es sind Bilder von Quint Buchholz und diesen Monat werden wir mitgenommen auf eine kleine Hafenmole. Es ist noch ganz still, vielleicht früh am Morgen. Der Nebel hat sich noch nicht ganz gelichtet und der Mond steht noch am Himmel. Nur die ersten Möwen sind schon wach. Das heißt, nein, ganz still ist es doch nicht. Ein kleines Boot tuckert ruhig und gleichmäßig durch die Stille und taucht in unserem Blickfeld auf. Es trägt ungewöhnliche Passagiere. Ein kleines Mädchen ist dabei. Mit einer Blume am Strohhut. Mit einer Hand streichelt sie einen Löwen, der neben ihr steht. Und dann ist da noch ein Mann, mit einer Krone. Sie haben nur wenig Gepäck bei sich – ein Koffer, eine kleine Laterne, ein Fenster. Mehr scheinen sie auf ihrer Reise nicht zu brauchen. Doch was sie bei sich tragen, ist eine gewisse Erwartung, eine Neugier, den Blick gespannt nach vorn in die Ferne gerichtet. Was mag es sein, das da auf sie zukommt? Und zu welchem Ziel mögen sie sich wohl auf den Weg gemacht haben? Ob sie gerade eben erst aufgebrochen sind? Oder sind sie schon eine eingeschworene Reisegemeinschaft?

Keiner von ihnen blickt zurück. Was hinter ihnen liegt, kennen sie. Woher sie kommen, wissen sie. Das tragen sie in sich, bei sich. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt im Moment dem Neuen. Dem Ufer in der Ferne, für das sie sich auf den Weg gemacht haben. Da braucht es keinen Blick zurück.

Und während sie in den beginnenden Morgen hinausfahren, bleibe ich an der Mole zurück, mit meinen Fragen und Gedanken. Worauf bin ich bereit, mich ganz und gar einzulassen? In welche Richtung möchte ich mich ausrichten? Und wage ich es, befreit loszugehen und Dinge, die ich nicht brauche, zurückzulassen?

Im Wochenspruch aus dem Lukasevangelium im 9. Kapitel ruft uns Jesus Christus zu: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.  Er möchte uns Mut machen, aufzubrechen und in Richtung Reich Gottes loszugehen. Und diesen Mut wünsche ich uns, jeden Tag neu, um immer wieder neu losgehen zu können.

Rahel Brandt, Vikarin in der Kirchgemeinde Parthenaue-Borsdorf